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Valenzwechsel und Bedeutungsverschiebung bei Verben

Erfahre, wie sich beim Valenzwechsel eines Verbs die Ergänzungen ändern und sich dadurch oft auch die Perspektive oder Bedeutung verschiebt (C1).

By the flumi team About 8 min read

Die Valenz eines Verbs legt fest, welche Ergänzungen es eröffnet. Ändert sich das Valenzmuster, ändert sich häufig auch die Perspektive oder sogar die lexikalische Bedeutung des Verbs.

Nach dieser Lektion kannst du Valenzalternationen erkennen und Bedeutungsverschiebungen daran erklären.

Funktion und Einordnung

Bei manchen Verben alternieren transitive und intransitive Konstruktionen, bei anderen wechseln Präposition oder Kasus mit der Lesart. Eine nicht realisierte Ergänzung ist nicht automatisch aus der Bedeutung verschwunden: Sie kann im Kontext weiterhin mitverstanden werden, ohne ausgedrückt zu sein.

Eine Ergänzung wird vom Verb verlangt oder nahegelegt; eine freie Angabe fügt nur zusätzliche Information hinzu. Die Weglassprobe und die Frageprobe helfen: Er ähnelt seinem Bruder – ✗ Er ähnelt; Frage: Wem ähnelt er? Die Akkusativergänzung in Sie liest (den Roman) kann im Kontext wegfallen. Eine Zeitangabe ist frei: Sie liest den Roman am Abend → Sie liest den Roman.

Je nach Zahl seiner Ergänzungen ist ein Verb einwertig, zweiwertig oder dreiwertig: schlafen eröffnet nur ein Subjekt, jemandem ähneln ein Subjekt und eine Dativ-Ergänzung, jemandem etwas erklären drei Argumentstellen. Ergänzungen können obligatorisch sein (Er ähnelt seinem Bruder) oder fakultativ bleiben, obwohl sie semantisch mitgemeint sind (Sie liest (den Roman)). Ein Valenzwechsel betrifft also nicht nur ein fehlendes Wort, sondern Zahl, Form oder Rolle solcher Argumentstellen.

FĂĽr die Analyse sind drei Punkte besonders wichtig:

  • Die Kausativalternation stellt Ursache oder Zustandsänderung in den Vordergrund: Sie öffnet die TĂĽr / Die TĂĽr öffnet sich.
  • Bei reflexiven Varianten kann sich die Ereignisstruktur ändern: jemanden erinnern / sich an jemanden erinnern.
  • Präpositionswechsel sind lexikalisch gebunden: auf etwas bestehen bedeutet etwas anderes als aus etwas bestehen.

Formen und Kontraste

intransitive Zustands- oder Bewegungsform transitive/kausative Form Minimalpaar
liegen legen Das Buch liegt auf dem Tisch. / Sie legt das Buch auf den Tisch.
sitzen setzen Das Kind sitzt auf dem Stuhl. / Die Mutter setzt das Kind auf den Stuhl.
stehen stellen Die Vase steht auf dem Tisch. / Er stellt die Vase auf den Tisch.
hängen: hing, gehangen hängen: hängte, gehängt Das Bild hing an der Wand. / Sie hängte das Bild an die Wand.
fallen fällen Der Baum fiel. / Die Waldarbeiter fällten den Baum.
sinken senken Die Preise sanken. / Die Firma senkte die Preise.
schmelzen schmelzen Das Eis schmolz. / Die Sonne schmolz das Eis.
wachen wecken Das Kind wacht. / Der Wecker weckt das Kind.

Sich-Antikausative

Bei vielen Verben bildet sich keine frei austauschbare Reflexivform, sondern markiert eine Antikausativform: Das Ergebnis oder der Vorgang wird beschrieben, ohne einen Verursacher zu nennen. Die transitive Variante kann diesen Verursacher ausdrĂĽcken.

antikausative Form kausative Form Kontrast
sich öffnen etwas öffnen Die Tür öffnet sich. / Die Hausmeisterin öffnet die Tür.
sich verändern etwas verändern Die Lage verändert sich. / Die Reform verändert die Lage.
sich erhöhen etwas erhöhen Die Preise erhöhen sich. / Das Unternehmen erhöht die Preise.
sich verbessern etwas verbessern Die Aussichten verbessern sich. / Die neuen MaĂźnahmen verbessern die Aussichten.

Bei erschrecken unterscheiden sich auch die Formen: Transitives jemanden erschrecken ist schwach (der Knall erschreckte ihn, hat ihn erschreckt). Intransitives erschrecken ist stark (er erschrak, ist erschrocken).

Bei liegen/legen, sitzen/setzen und stehen/stellen zeigt die Wechselpräposition zusätzlich den Unterschied: Ort mit Dativ (Die Vase steht auf dem Tisch), Ziel mit Akkusativ (Er stellt die Vase auf den Tisch).

Bei hängen ist die Verteilung in der Standardsprache klar; regional können die Perfektformen abweichen. Bei schmelzen ist die ältere schwache transitive Form (schmelzte, geschmelzt) heute selten; im heutigen Standard sind auch transitive Verwendungen meist stark (schmolz, hat geschmolzen).

Präpositionswechsel und Bedeutungswechsel

Bei lexikalisch gebundenen Präpositionen ist die Präposition Teil der Bedeutung. Sie lässt sich nicht nach einer allgemeinen Regel ersetzen:

Konstruktion Bedeutung Beispiel
auf etwas bestehen etwas nachdrĂĽcklich verlangen Die Redaktion besteht auf einer Quellenangabe.
aus etwas bestehen aus Teilen zusammengesetzt sein Der Bericht besteht aus drei Kapiteln.
in einer PrĂĽfung bestehen eine PrĂĽfung erfolgreich ablegen Sie hat in der mĂĽndlichen PrĂĽfung bestanden.
viel von jemandem/etwas halten jemanden oder etwas schätzen Ich halte viel von diesem Vorschlag.
jemanden für zuverlässig halten jemanden so beurteilen Wir halten sie für zuverlässig.
sich um etwas handeln etwas zum Gegenstand haben Es handelt sich um eine Ausnahme.
auf etwas ankommen von etwas abhängen; entscheidend sein Bei der Verhandlung kommt es auf den Ton an.
zu einem Entschluss kommen einen Entschluss fassen Nach langer Beratung kamen sie zu einem Entschluss.

Auch wenn die Grundbedeutungen nahe wirken, ändern sich mit Präposition und Kasus die Ergänzungsrolle und oft die gesamte Lesart. Lerne deshalb solche Verbindungen als vollständige Valenzmuster.

Analyse an Beispielen

  • Die Firma senkte die Preise / Die Preise sanken: Die transitive Variante nennt einen Verursacher, die intransitive nur die Veränderung.
  • Wir erinnern ihn an den Termin / Wir erinnern uns an den Termin: Argumentrollen und reflexive Markierung unterscheiden sich.
  • Er schreibt an einem Roman / Er schreibt einen Roman: Die Präpositionalgruppe kann den laufenden Prozess hervorheben, der Akkusativ das Werk als betroffenes Objekt.
  • Wir laden Kisten auf den Wagen / Wir beladen den Wagen mit Kisten: Das Akkusativobjekt wechselt; beim zweiten Verb steht die Ladung mit mit.
  • Wir pflanzen Blumen aufs Beet / Wir bepflanzen das Beet mit Blumen: Auch hier wechselt das Akkusativobjekt mit der Perspektive.
  • Ich frage jemanden nach dem Weg / Ich erkundige mich bei jemandem nach dem Weg: Ă„hnliche Sprechhandlungen haben verschiedene Rektion. Fragen kann auch zwei Akkusativobjekte haben: Ich frage ihn etwas.

Quick check

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1
Ergänze das von „antworten“ eröffnete Muster: Die Projektleiterin antwortet Gutachter seinen Einwand.

Check your answer when you are ready. No sign-in needed.

Weitere Valenzmuster im Kontext

Leite die Bedeutung nicht allein aus dem Stammverb ab. Lerne bei polysemen Verben die Konstruktion einschließlich Kasus, Präposition und typischer Argumentrolle.

Passiv und bekommen-Passiv

Valenz kann auch reduziert oder anders verteilt werden: Im Vorgangspassiv wird das Akkusativobjekt zum Subjekt (Der Bericht wird geprüft); der Handelnde bleibt ungenannt oder kann mit von ergänzt werden. Im bekommen-Passiv wird dagegen der Empfänger zum Subjekt: Die Mitarbeiterin bekommt den Vertrag erklärt. So rückt eine andere Argumentrolle in den Vordergrund.

Mediale Konstruktionen

Die mediale Form mit sich stellt eine Eigenschaft oder Gebrauchsmöglichkeit des Gegenstands heraus. Sie verlangt eine wertende oder modale Angabe: Das Buch liest sich gut / leicht. Ein Agens gehört nicht zu dieser Konstruktion: ✗ Das Buch liest sich von mir gut. Wenn der Handelnde wichtig ist, verwendet man eine aktive oder passive Form: Ich lese das Buch gut verständlich vor / Das Buch wird gut verständlich vorgelesen.

Häufige Fehlentscheidungen

  • Eine nicht genannte Ergänzung mit echter Intransitivität verwechseln: Er isst (einen Apfel) lässt ein erschlieĂźbares Objekt offen; Die Kinder schlafen braucht kein Objekt.
  • Reflexive Markierung frei hinzufĂĽgen oder entfernen: Ich stelle mir den Urlaub vor bedeutet etwas anderes als Ich stelle der Kollegin den neuen Mitarbeiter vor.
  • Rektion ähnlicher Verben ĂĽbertragen: Ich erinnere ihn an den Termin ist nicht dasselbe wie Ich erinnere mich an den Termin. Ebenso heiĂźt es jemanden nach etwas fragen, aber sich bei jemandem nach etwas erkundigen.

Kurz zusammengefasst

  • Valenz beschreibt die vom Verb eröffneten Argumentstellen; sie können ein-, zwei- oder dreiwertig sowie obligatorisch oder fakultativ sein.
  • Alternationen verändern Perspektive, Rollenverteilung oder Ereignisart, etwa bei sich-Antikausativen.
  • Präposition, Kasus und Bedeutung bilden bei lexikalisch gebundenen Konstruktionen eine Einheit.

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Last updated October 14, 2026