Lassen als Vollverb und als Verbgefüge
Lassen kann als selbstständiges Vollverb zurücklassen oder überlassen bedeuten. Zusammen mit einem Infinitiv drückt es aus, dass jemand eine Handlung erlaubt, veranlasst oder nicht verhindert.
Nach dieser Lektion kannst du Vollverb, Verbgefüge und sich lassen + Infinitiv unterscheiden und ihre Perfektformen richtig bilden.
1. Vollverb oder Verbgefüge?
Als Vollverb trägt lassen die Hauptbedeutung und bildet das Perfekt mit gelassen: Sie hat die Tasche im Auto gelassen. Es kann ein Akkusativobjekt oder zusätzlich eine Person im Dativ haben: Ich lasse dir den Schlüssel.
Im Verbgefüge folgt ein zweiter Infinitiv ohne zu: Ich lasse das Fahrrad reparieren. Eine Person, die die Handlung ausführt, steht gewöhnlich im Akkusativ: Ich lasse ihn das Fahrrad reparieren.
2. Formen und Orientierung
| Bereich | Struktur oder Bedeutung | Beispiel |
|---|---|---|
| Vollverb | etwas zurücklassen | Sie lässt die Tasche im Auto. |
| Vollverb + Dativ | jemandem etwas überlassen | Ich lasse dir den Schlüssel. |
| Erlaubnis | Akkusativperson + Infinitiv | Die Eltern lassen ihn länger aufbleiben. |
| Veranlassung | Sache + Infinitiv | Er lässt die Heizung prüfen. |
| Möglichkeit | sich lassen + Infinitiv | Das Problem lässt sich lösen. |
| Handlung für die eigene Person | Dativpronomen + Sache + Infinitiv | Ich lasse mir die Haare schneiden. |
| Perfekt des Vollverbs | haben + gelassen | Sie hat die Tasche im Auto gelassen. |
| Perfekt des Verbgefüges | haben + Infinitiv + lassen | Er hat das Auto reparieren lassen. |
3. Dativ oder Akkusativ?
Der Kasus zeigt zusammen mit dem Infinitiv, welche Konstruktion vorliegt:
Vollverb: Ich lasse dir den Schlüssel. – Dir steht im Dativ; du bekommst oder behältst den Schlüssel. Es gibt keinen zweiten Infinitiv.
Verbgefüge: Ich lasse dich den Schlüssel holen. – Dich steht im Akkusativ und bezeichnet die Person, die holen ausführt.
Reflexiv-benefaktiv: Ich lasse mir den Schlüssel bringen. – Mir steht im Dativ und bezeichnet die Person, für die etwas geschieht. Den Schlüssel ist das Akkusativobjekt von bringen; die handelnde Person bleibt ungenannt.
Erlaubnis: Die Chefin lässt die Praktikantin früher gehen. Die Praktikantin darf gehen.
Veranlassung: Die Chefin lässt den Bericht prüfen. Sie sorgt dafür, dass jemand ihn prüft.
4. Sich lassen + Infinitiv
Passivähnliche Möglichkeit
Sich lassen + Infinitiv beschreibt häufig eine Möglichkeit und hat eine passivische Bedeutung:
- Das Problem lässt sich lösen. = Das Problem kann gelöst werden.
- Der Text lässt sich leicht verstehen. = Der Text kann leicht verstanden werden.
- Die Tür lässt sich nicht öffnen. = Die Tür kann nicht geöffnet werden.
Das Subjekt bezeichnet dabei nicht die handelnde Person, sondern die Sache, mit der etwas möglich oder nicht möglich ist.
Reflexiv-benefaktiv: sich etwas tun lassen
Eine andere, sehr häufige Konstruktion hat das Muster sich (Dativ) + Akkusativobjekt + Infinitiv + lassen. Die Person im Subjekt veranlasst, dass jemand etwas für sie oder an einer ihr gehörenden Sache tut:
- Ich lasse mir die Haare schneiden. Jemand schneidet mir die Haare.
- Er lässt sich das Gepäck bringen. Jemand bringt ihm das Gepäck.
- Wir lassen uns die Heizung erklären. Jemand erklärt uns die Heizung.
Bei mir, dir, uns und euch ist der Dativ gut sichtbar. Bei der dritten Person lautet das Reflexivpronomen im Dativ und Akkusativ gleich: sich. Das Akkusativobjekt hilft dann bei der Analyse: In Er lässt sich das Gepäck bringen ist das Gepäck das Akkusativobjekt, also steht sich im Dativ.
Vergleiche die Bedeutung: Das Problem lässt sich lösen bedeutet Das Problem kann gelöst werden. Ich lasse mir das Problem erklären bedeutet dagegen Jemand erklärt mir das Problem. Nur im zweiten Satz bezeichnet das Reflexivpronomen eine Person, für die etwas geschieht.
Register und Variation
Beide Konstruktionen sind im Standarddeutschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz üblich. Kurze lassen-Sätze wie Das lässt sich machen oder Ich lasse mir die Haare schneiden sind auch im Gespräch sehr häufig, aber nicht nur umgangssprachlich. In formellen Texten kann ein ausdrückliches Passiv wie Das Problem kann gelöst werden eindeutiger wirken. Das ist eine Frage von Stil und Klarheit, keine andere regionale Grundregel.
5. Perfekt und Doppelinfinitiv
Im Perfekt des Verbgefüges steht lassen als Ersatzinfinitiv, nicht als Partizip:
- Hauptsatz: Er hat das Auto reparieren lassen.
- Nebensatz: Ich weiß, dass er das Auto hat reparieren lassen.
Im Nebensatz steht die finite Form hat vor dem Infinitivpaar reparieren lassen. Das ist eine besondere Stellung; nicht korrekt ist hier dass er das Auto reparieren lassen hat.
Beim Vollverb gibt es keinen Doppelinfinitiv: Ich weiß, dass sie die Tasche im Auto gelassen hat.
6. Typische Stolperstellen
Nach lassen steht im Verbgefüge kein zu: ✗ Sie lässt ihn zu gehen. Richtig ist Sie lässt ihn gehen.
Unterscheide außerdem gelassen und lassen: Sie hat die Tasche liegen lassen enthält ein Verbgefüge mit liegen lassen; Sie hat die Tasche im Auto gelassen verwendet lassen als Vollverb.
7. Kurz zusammengefasst
- Vollverb: jemandem etwas lassen; Perfekt mit gelassen.
- Verbgefüge: Akkusativ + Infinitiv ohne zu; Perfekt mit Infinitiv + lassen.
- Passivähnliches sich lassen + Infinitiv drückt oft eine Möglichkeit aus.
- Reflexiv-benefaktiv bedeutet: Jemand veranlasst eine Handlung für sich, zum Beispiel Ich lasse mir die Haare schneiden.
- Im Nebensatz steht hat vor dem Doppelinfinitiv: weil er es hat reparieren lassen.
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Last updated July 20, 2026